Die Wiener Unterwelt – die Stadt unter Wien
Wien ist bekannt für prachtvolle Palais, gemütliche Kaffeehäuser, den Stephansdom und natürlich die berühmte Wiener Gemütlichkeit. Doch unter den Füßen der Wiener:innen sieht die Welt ganz anders aus. Tief unter den Straßen von Wien versteckt sich eine zweite Stadt – dunkel, geheimnisvoll und voller Geschichten.
Kanäle, Grüfte, Katakomben, alte Gewölbekeller und Luftschutzanlagen erzählen von einer Seite Wiens, die man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt. Wer Wien einmal von unten erleben möchte, begibt sich auf eine Reise durch eine faszinierende Parallelwelt.
Also: Taschenlampe einpacken und ab nach unten!
Unter Wien - die Stadt unter der Stadt
Wer durch die Wiener Innenstadt spaziert, denkt vermutlich nicht daran, dass sich direkt unter den historischen Straßen ein riesiges unterirdisches Labyrinth befindet. Gerade der 1. Bezirk ist von zahlreichen Kellern, Gewölben, Gängen und unterirdischen Anlagen durchzogen.
Manche dieser Räume stammen aus längst vergangenen Jahrhunderten, andere erinnern an die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts. Wieder andere sind bis heute Teil der Infrastruktur der Stadt.
Besonders spannend: Viele dieser Orte liegen nur wenige Meter unter den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Wiens.
Und genau hier beginnt unsere Reise durch die Wiener Unterwelt.
1. Der Dritte Mann – wenn Harry Lime in die Kanalisation flüchtet
Wenn man über die Wiener Unterwelt spricht, darf ein Film natürlich nicht fehlen: „Der dritte Mann“.
Der Filmklassiker von Carol Reed wurde 1948 in Wien gedreht und zeigt eine Stadt, die mit dem glamourösen Wien aus den Tourismusprospekten wenig gemeinsam hat. Statt prachtvoller Palais stehen Ruinen, Schwarzmarkt und Schmuggel im Mittelpunkt. Und mittendrin: die Wiener Kanalisation.
Harry Lime, gespielt von Orson Welles, ist ein zwielichtiger Penicillin-Schmuggler. Auf der Flucht vor seinen Verfolgern verschwindet er in den Wiener Kanälen – und sorgt damit dafür, dass die Wiener Unterwelt Filmgeschichte schreibt.
Das Faszinierende: Die berühmte Verfolgungsjagd wurde tatsächlich in der Wiener Kanalisation gedreht. Allerdings wirkt die Strecke im Film wesentlich größer, als sie in Wirklichkeit ist. Durch geschickte Kameraführung, Schnitte und verschiedene Perspektiven entstand der Eindruck, Harry Lime würde kilometerweit durch die Kanäle gejagt.
Und auch eine kleine Filmlegende darf nicht fehlen: Orson Welles hielt es unten im Kanal offenbar nicht besonders lange aus. Der Gestank war ihm zu viel. Einige Aufnahmen wurden deshalb mit einem Double beziehungsweise in Londoner Studios gedreht.
Heute kann man selbst in die berühmte Kanalisation hinabsteigen. Bei der 3. Mann Tour geht es mehrere Meter unter die Stadt, vorbei an historischen Teilen des Kanalsystems und zu Originalschauplätzen des Films. Die sogenannten Cholerakanäle wurden bereits in den 1830er-Jahren errichtet und sind teilweise bis heute nahezu unverändert.
Besonders beeindruckend ist dabei der Gedanke, dass über unseren Köpfen gleichzeitig das ganz normale Wiener Leben weitergeht: Straßenbahnen fahren, Autos rollen über Kanaldeckel und Menschen gehen shoppen – während wenige Meter darunter das Wasser durch die Stadt rauscht.

2. Grüfte und Katakomben – wo Wien seine Toten bewahrt
Noch älter als die Kanalisation sind viele der unterirdischen Räume, die mit dem Tod verbunden sind.
Unter einigen Wiener Kirchen befinden sich Grüfte und Katakomben, in denen sich jahrhundertelang die letzte Ruhestätte von Geistlichen, Adeligen und wohlhabenden Bürger:innen befand.
Eine der wohl außergewöhnlichsten Anlagen befindet sich unter der Michaelerkirche. Zwischen 1631 und 1784 wurden hier rund 4.000 Menschen bestattet. Aufgrund des besonderen Klimas in der Gruft verwesten die Körper teilweise nicht vollständig. Bis heute sind dort zahlreiche bemalte Särge und mumifizierte Körper erhalten.
Besonders skurril wirkt der Anblick deshalb, weil manche der Mumien noch ihre historische Kleidung tragen – inklusive Perücken oder barocker Gewänder.

Zur Gruftführung Michaelerkirche
Wer es etwas königlicher mag, sollte einen Blick in die Katakomben des Stephansdoms werfen. Dort befinden sich unter anderem die Herzogsgruft und die Gräber mehrerer Habsburger sowie Wiener Kardinäle und Erzbischöfe. Auch Herzog Rudolf IV., der „Stifter“, liegt hier begraben.
Damit bekommt der Stephansdom plötzlich eine ganz neue Dimension: Über der Erde ist er eines der berühmtesten Wahrzeichen Wiens – unter der Erde wird er zum historischen Gedächtnis der Stadt.
Und genau das macht die Wiener Unterwelt so spannend. Man muss nicht weit reisen, um in eine völlig andere Zeit einzutauchen. Oft reichen ein paar Stufen nach unten.

3. Wiener Keller – viel mehr als nur Lagerraum
Wer „Keller“ hört, denkt vermutlich zuerst an Weinflaschen, Gerümpel oder vielleicht einen alten Heizraum.
In Wien kann ein Keller allerdings eine ganze Geschichte erzählen.
Unter den Häusern der Inneren Stadt befinden sich teilweise mehrere Kellergeschoße, welche bis zu 4 Etagen tief sind. Historische Gewölbe wurden über Jahrhunderte als Lager, Werkstätten, Verkaufsräume oder gastronomische Orte genutzt. Manche Anlagen reichen erstaunlich tief in den Untergrund und viele unterschiedliche Verwendungszwecke.
Besonders spannend wird es dort, wo verschiedene Keller miteinander verbunden wurden.
Denn während über der Erde die Straßen und Häuser klar voneinander getrennt sind, entstand unter der Stadt teilweise ein regelrechtes Labyrinth.
Und dieses Labyrinth bekam während des Zweiten Weltkriegs eine völlig neue Bedeutung.
Das Luftschutz-Raumnetz Innere Stadt – Wiens unterirdisches Wegenetz
Während des Zweiten Weltkriegs wurden zahlreiche bestehende Keller in der Wiener Innenstadt zu Luftschutzräumen umgebaut. Doch dabei blieb es nicht.
Bestehende Kelleranlagen wurden durch Mauerdurchbrüche und Verbindungsgänge miteinander verbunden. So entstand das sogenannte „Luftschutz-Raumnetz Innere Stadt“ – ein weit verzweigtes ca. 12 Kilometer langes unterirdisches Tunnelsystem, das große Teile der Innenstadt miteinander verband.
Die Idee dahinter war denkbar einfach: Wenn oben Bomben fielen, sollte die Bevölkerung unten Schutz finden.
Die unterirdischen Wege waren dabei nicht nur einfache Kellergänge. An den Wänden befanden sich Orientierungshinweise, Richtungspfeile und Beschriftungen. Besonders eindrucksvoll sind die noch erhaltenen phosphoreszierenden Markierungen. Sie sollten auch bei einem Stromausfall sichtbar bleiben und den Menschen den Weg durch die dunklen Keller weisen.
Auf alten Wänden findet man teilweise noch Hinweise wie „Mauerdurchbruch“, Richtungsangaben oder Markierungen für bestimmte Räume.
Stell dir vor: Draußen herrscht Luftalarm. Oben ist die Stadt dunkel, Sirenen heulen und Flugzeuge sind zu hören. Und irgendwo tief unter dem Pflaster bewegen sich hunderte Menschen durch enge Keller und Verbindungsgänge auf der Suche nach einem sicheren Platz.
Das ist keine Filmkulisse. Das war für viele Wiener:innen Realität.
Heute sind große Teile dieses Netzes nicht mehr zugänglich. Viele Verbindungsgänge wurden nach dem Krieg zugemauert oder die Keller später umgebaut und anders genutzt. Trotzdem haben sich an manchen Stellen erstaunlich viele Spuren erhalten.
Gerade diese Überreste machen die Keller so spannend. Eine zugemauerte Tür, ein alter Pfeil an der Wand oder eine kaum noch lesbare Aufschrift kann plötzlich zum letzten sichtbaren Hinweis auf eine längst verschwundene unterirdische Verbindung werden.
Wien mal anders? Definitiv.

Was sich unter unseren Füßen verbirgt
Die Wiener Unterwelt ist mehr als ein paar schaurige Keller.
Sie erzählt von Filmgeschichte, Religion, Krieg, Alltag und vom technischen Funktionieren einer Großstadt.
Hier unten begegnen sich ganz unterschiedliche Kapitel der Wiener Geschichte:
- Die Kanalisation erinnert an „Der dritte Mann“ und die Nachkriegszeit.
- Die Grüfte und Katakomben erzählen von Jahrhunderten Wiener Stadt- und Kirchengeschichte.
- Die alten Kellergewölbe zeigen, wie viel Leben sich schon immer unter der Stadt abgespielt hat.
- Das Luftschutz-Raumnetz erinnert an die Jahre des Zweiten Weltkriegs und daran, wie die Wiener Bevölkerung unter der Erde Schutz vor den Bomben suchte.
Und vielleicht ist genau das der Reiz der Wiener Unterwelt: Sie ist keine künstlich geschaffene Erlebniswelt.
Sie ist einfach da.
Direkt unter unseren Füßen.
Während oben die Fiaker durch die Innenstadt fahren, Tourist:innen vor dem Stephansdom Fotos machen und in den Kaffeehäusern Melange getrunken wird, liegen darunter alte Ziegel, vergessene Gänge, Kanalrohre und Spuren vergangener Generationen.
Fazit: Wien einmal von unten erleben
Wien kennt man normalerweise von oben.
Man spaziert über den Stephansplatz, flaniert über den Graben, bewundert die Hofburg oder sitzt bei einem Kaffee und schaut dem Treiben auf der Straße zu.
Doch wer wirklich Wien mal anders erleben möchte, sollte einmal die Perspektive wechseln.
Ein paar Stufen nach unten reichen – und plötzlich wird aus der bekannten Innenstadt eine geheimnisvolle Parallelwelt.
Von Harry Limes Flucht durch die Kanalisation über jahrhundertealte Mumien bis zu den geheimen Verbindungsgängen des Luftschutz-Raumnetzes: Unter Wien wartet eine Geschichte, die mindestens genauso spannend ist wie jene über der Erde.
Also, worauf wartest du? Wien von unten ist definitiv einen Blick wert!