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Luftschutzkeller in Wien

Luftschutzkeller in Wien

Wenn die Sirenen heulten, ging Wien in den Keller

Ein Heulton mit Geschichte

Jedes Jahr am ersten Samstag im Oktober heulen in ganz Österreich die Sirenen. Für die meisten ist der Probealarm nur ein kurzer Moment, man schaut aufs Handy, vielleicht kurz aus dem Fenster, und macht weiter. Vor gut 80 Jahren bedeutete ein ganz ähnlicher Heulton in Wien etwas völlig anderes. Wer ihn hörte, ließ alles liegen und lief hinunter in den Keller.

Zwischen 1944 und 1945 wurde Wien mehr als 50 Mal aus der Luft angegriffen. Fast 8.800 Zivilisten starben im Bombenkrieg. Bei den Angriffen saßen hunderttausende Wienerinnen und Wiener in den Kellern ihrer Häuser und hofften, dass die Decke hält. Unter der Innenstadt entstand so eine zweite Stadt aus Schutzräumen, Gängen und Durchbrüchen, deren Spuren man bis heute findet.

Vorbereitung auf einen Krieg aus der Luft

Die Angst vor Bomben ist älter als der Zweite Weltkrieg. Schon am 24. April 1935 wurde der Österreichische Luftschutzbund gegründet. Er schickte eine Wanderausstellung 14 Monate lang durch alle Bundesländer, hielt Vorträge in Schulen und Warenhäusern und probte im Juli 1936 die Verdunkelung rund um den Südbahnhof und den Ostbahnhof.

Mit dem Anschluss 1938 ging der Verein im deutschen Reichsluftschutzbund auf. Am 5. August 1938 trat das deutsche Luftschutzgesetz in Österreich in Kraft, und noch vor Kriegsbeginn ergingen die ersten Verdunkelungsverordnungen. Nach Einbruch der Dunkelheit durfte kein Licht mehr nach außen dringen.

Richtig ernst wurde es ab Herbst 1940. Am 10. Oktober ordnete Hitler das sogenannte Luftschutz Führerprogramm an, und Wien war eine von 61 Städten des Reiches, die dafür ausgewählt wurden. Ende März 1941 erschienen eigene Richtlinien für den Ausbau der Keller in bestehenden Wiener Häusern. Zuständig war das Luftgaukommando XVII, örtlicher Luftschutzleiter war der Polizeipräsident.

Aus gewöhnlichen Kellern wurden nun Schutzräume. Man stützte Decken ab, schützte Fenster und Öffnungen mit Stahlblenden gegen Splitter, baute Notausstiege, Notaborte, elektrisches Licht und Gasschleusen ein. Vor allem aber brach man Öffnungen in die Brandmauern zu den Nachbarhäusern, damit die Menschen fliehen konnten, wenn ihr eigenes Haus brannte oder einstürzte.

Der Bombenkrieg über Wien

Lange fühlte man sich in Wien sicher, die Stadt lag weit weg von den Flugplätzen der Alliierten. Das änderte sich 1943, als amerikanische Bomber von Flugplätzen im Mittelmeerraum aus starteten, zuerst in Nordafrika und später in Süditalien. Am 13. August 1943 traf der erste Angriff auf österreichischem Boden Wiener Neustadt. Auf Wien fielen die ersten Bomben am 17. März 1944, und bis Kriegsende gab es hier über 110 Mal Fliegeralarm.

Der erste schwere Angriff auf Wien kam am 10. September 1944. Bomben trafen unter anderem die Albertina und das Alte Rathaus. Es folgten große Angriffe wie jener vom 17. Oktober 1944, der mehrere Bezirke zugleich traf. Am 19. Februar 1945 wurde auch der Tiergarten Schönbrunn getroffen. Von seinen rund 3.500 Tieren überlebten nur etwa 1.500.

Der schwerste Angriff folgte am 12. März 1945, genau sieben Jahre nach dem Einmarsch der deutschen Truppen. Getroffen wurden Staatsoper, Burgtheater, Volkstheater, Kunsthistorisches Museum und die Neue Burg. Zuschauerraum und Bühne der Staatsoper brannten aus. Nach einer oft erzählten Darstellung hatten die Bomber eigentlich Industrieanlagen in Floridsdorf zum Ziel.

Je nach Zählweise ist am Ende von 52 oder 53 größeren Angriffen die Rede. 8.769 Wiener Zivilisten kamen ums Leben, dazu 1.103 Menschen, die nicht aus Wien stammten. Mehr als 21.000 Häuser, rund ein Fünftel der Stadt, waren zerstört oder beschädigt, 36.851 Wohnungen völlig vernichtet. Auch unter der Erde hinterließen die Bomben Spuren, allein im Kanalnetz zählte man 3.700 Schadstellen. Über all das durfte nicht berichtet werden, denn ab dem 14. Juli 1944 war es verboten, Kriegsschäden zu fotografieren.

Leben unter der Stadt

Neben den Sirenen warnte auch das Radio. Ein Kuckucksruf forderte die Menschen auf, die Luftschutzräume aufzusuchen. Man griff das Nötigste, nahm die Kinder und stieg hinab. Im Keller hatte oft jeder seinen festen Platz, manche Plätze waren sogar mit nachleuchtender Farbe markiert, damit man sie auch im Dunkeln fand. Dann hieß es warten, eng an eng, und dem Dröhnen über sich lauschen.

In den Brandmauern zu den Nachbarhäusern gab es die Mauerdurchbrüche, Öffnungen von etwa 80 mal 80 oder 100 mal 75 Zentimetern. Sie waren nur mit einer dünnen Wand verschlossen, damit sich Feuer und Rauch nicht wie in einem Kamin ausbreiten konnten. Im Ernstfall schlug man sie durch und floh unter der Erde ins nächste Haus.

Ab 1944 wollte die Stadt aus diesen Einzelkellern ein großes System machen. Das Luftschutzraumnetz der Inneren Stadt sollte Keller durch Durchbrüche und gemauerte Gänge zu einem unterirdischen Labyrinth verbinden, das fast die ganze Innenstadt durchzog. Sogar Kasematten der alten Stadtbefestigung und historische Minengänge wurden einbezogen. Geplant war Platz für 280.000 Menschen, die Ausgänge sollten an trümmerfreien Orten wie dem Burggarten, dem Volksgarten, dem Stadtpark, dem Rudolfsplatz und dem Morzinplatz liegen. Von 20 geplanten Ausstiegsbauwerken wurden allerdings nur zwei fertig, etwa am Rudolfsplatz. Die Belüftung blieb bis zuletzt ein großes Problem.

Bei den Luftschutzbauten der Stadt mussten Tausende Zwangsarbeiter schuften, vor allem italienischen Militärinternierten und Arbeitskräften aus Osteuropa. In einem Keller der Innenstadt fanden Archäologen Namen von Zwangsarbeitern, mit Bleistift an die Wand geschrieben.

Sicher waren die Keller nicht. Am 12. März 1945 suchten im Philipphof hinter der Oper rund 280 Menschen Schutz. Mindestens fünf Bomben trafen das Haus, es stürzte ein und brannte aus. Etwa 200 Menschen kamen im Keller ums Leben, geborgen werden konnten nur rund 180. Heute steht an dieser Stelle, auf dem Helmut Zilk Platz, Alfred Hrdlickas Mahnmal gegen Krieg und Faschismus. Gefährlich war auch die Luft selbst, denn in überfüllten Schutzräumen wurde der Sauerstoff knapp, was besonders für kleine Kinder tödlich sein konnte.

Bunker-Tour

Bunker, Stollen und Flaktürme

Die meisten Wiener hatten nur ihren Hauskeller. Öffentliche Schutzräume gab es lange kaum. Im September 1943 existierten in ganz Wien gerade 25 öffentliche Schutzbauten mit Platz für etwa 12.000 Menschen. Erst unter dem Eindruck der Angriffe wurde aufgerüstet. 1944 zählte man 339 öffentliche Luftschutzräume, dazu kamen Splitterschutzgräben in Parks und auf Plätzen, etwa am Dornerplatz in Hernals oder im Märzpark. Im Oktober 1944 gab es 139 solcher Deckungsgräben für etwa 22.000 Personen.

An den Hängen am Stadtrand trieb man Stollen in den Berg, etwa einen rund 350 Meter langen Stollen im Küniglberg oder eine große Anlage am Cobenzl. Am Gallitzinberg in Ottakring lag der Befehlsstand der Gauleitung, der sogenannte Schirachbunker, benannt nach dem Wiener Gauleiter Baldur von Schirach. Er ist bis heute verschlossen.

Die mächtigsten Bauten aber sind bis heute nicht zu übersehen. Zwischen Ende 1942 und Anfang 1945 entstanden drei Paare von Flaktürmen, im Arenbergpark, im Esterházypark bei der Stiftskaserne und im Augarten. Jedes Paar bestand aus einem Leitturm und einem Geschützturm mit schweren Flugabwehrkanonen auf dem Dach. Im Inneren fanden Mütter mit Kindern, Menschen mit Behinderung und Kriegsversehrte Zuflucht, allein der Turm bei der Stiftskaserne bot Platz für 15.000 Menschen. Errichtet wurden auch sie von hunderten Zwangsarbeitern. Heute beherbergt einer das Haus des Meeres, ein anderer dient dem MAK als Depot, die Türme im Augarten stehen weitgehend leer.

Schutz gab es allerdings nicht für alle. Wer in welchen Raum durfte, war streng geregelt, und manchen Menschen blieb nur ein notdürftig abgedeckter Graben, während über ihnen die Bomben fielen.

Wiener Unterwelt Tour 

Was von den Kellern geblieben ist

Ende März 1945 endeten die großen Luftangriffe, im April eroberte die Rote Armee die Stadt. Damit endete auch das Luftschutzraumnetz. Nach dem Krieg wurden die Mauerdurchbrüche wieder verschlossen und viele Gänge mit Schutt verfüllt. Stollen wurden zugeschüttet oder ausgemauert. Die Keller wurden wieder zu dem, was sie vorher waren, Lagerräume unter Wohnhäusern.

Ganz verschwunden sind die Spuren aber nicht. An manchen Fassaden kann man die alten Kürzel noch lesen. LSK stand für Luftschutzkeller, LSR für Luftschutzraum, MD für Mauerdurchbruch und NA für Notausstieg. Pfeile wiesen den Weg zum Ring, zum Gürtel, zu den Parks oder zur Donau.

Noch eindrucksvoller ist es unten. In manchen Kellern der Innenstadt finden sich bis heute vermauerte Durchgänge, Wegweiser an den Wänden, mit Pinsel oder weißem Stift geschriebene Hinweise und sogar rote Markierungen, die sowjetische Soldaten nach dem Krieg hinterlassen haben. Wer davorsteht, spürt, wie nah diese Zeit noch ist.

Hinab in die Schutzräume

Die meisten dieser Keller liegen unter Privathäusern und sind für die Öffentlichkeit verschlossen. Ein paar davon kann man aber betreten. Bei den Wiener Unterwelt Touren von Wien mal anders steigst du in private Keller der Innenstadt hinab, darunter ehemalige Luftschutzräume und ein historischer Schulkeller. Du stehst vor den Spuren, von denen hier die Rede war, und hörst die Geschichten der Menschen, die hier unten Schutz gesucht haben.

Nimm am besten eine Taschenlampe mit. Wenn das Licht über die alten Wände wandert und plötzlich Spuren aus dem Krieg auftauchen, wird Geschichte auf einmal sehr greifbar.

Quellen Wien Geschichte Wiki, Luftkrieg · Wien Geschichte Wiki, Städtische Luftschutzmaßnahmen im Zweiten Weltkrieg · Wien Geschichte Wiki, Luftschutzraumnetz Innere Stadt · Wien Geschichte Wiki, Österreichischer Luftschutzbund · Wien Geschichte Wiki, Flaktürme · Wien Geschichte Wiki, Luftschutzstollen · Wien Geschichte Wiki, Philipphof · Stadtarchäologie Wien, Die letzte Ausbauphase des Luftschutzes · Wikipedia, Luftangriffe auf Wien · Austria Forum, Luftkrieg · Wiener Zeitung, Luftkrieg über Österreich

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