Wiens Apotheken und ihre verborgene Unterwelt
Krebse, Engel und Hirsche über der Tür
Zum roten Krebs, Zum weißen Engel, Zum goldenen Hirschen. Wer durch die Wiener Innenstadt geht, kommt an Apotheken vorbei, deren Namen klingen wie aus einem Märchenbuch. Dahinter steckt eine ganz praktische Idee. Lange bevor es Hausnummern gab, erkannte man ein Geschäft an seinem Zeichen über der Tür, an einem Tier, einem Heiligen oder einem Engel.
Manche dieser Apotheken gibt es seit über 500 Jahren. Sie erzählen von strengen Regeln, wie viele Apotheken es überhaupt geben durfte, von einem Wundermittel aus Schlangenfleisch und Opium und von Kellern, in denen Kräuter, Tinkturen und Arzneien kühl und dunkel lagerten.
Die ältesten Apotheken Wiens
Schon im frühen 14. Jahrhundert tauchen in Wiener Quellen die Namen von Apothekern auf. Als älteste Apotheke Wiens gilt die Alte Feldapotheke am Stephansplatz. Schon um 1320 ist mit einem gewissen Albrecht ihr erster Besitzer belegt, und bis etwa 1717 hieß sie noch Zum goldenen Greif. Bald folgten weitere, die es bis heute gibt. Zum goldenen Hirschen bestand spätestens zu Beginn des 15. Jahrhunderts, damals noch am Graben, heute am Kohlmarkt. Zum roten Krebs wurde um 1435 gegründet und liegt heute am Hohen Markt. Zum weißen Engel entstand wahrscheinlich um 1440 und hat seit 1902 ihren Sitz in der Bognergasse, wo über dem Jugendstilportal ein Mosaik von Oskar Laske den namensgebenden Engel zeigt. Im 16. Jahrhundert kamen weitere Apotheken dazu, etwa Zum heiligen Geist und Zum weißen Storch. Den kaiserlichen Hof versorgte die Hofapotheke, die erst 1991 schloss.
Die Apotheker standen dabei unter strenger Aufsicht der Ärzte. 1404 taucht das Apothekenwesen erstmals in den Akten der medizinischen Fakultät auf, und schon 1405 schlug sie eine erste Apothekenordnung vor. Die Apotheken sollten regelmäßig kontrolliert werden, Arzneien nur auf ärztliches Rezept abgeben und sich an feste Preise halten. 1564 legte man die Zahl der Apotheken in der Stadt auf zehn fest, später auf elf.
Erst Kaiser Joseph II. öffnete das Geschäft. 1782 hob er das Apothekergremium auf, und sofort entstanden elf neue Apotheken in der Stadt und dreizehn in den Vorstädten. Mit der wachsenden Stadt ging es weiter bergauf. 1837 zählte Wien 17 Apotheken in der Stadt und 24 in den Vorstädten, nach dem Ersten Weltkrieg waren es bereits 208.
Theriak, das Wundermittel aus Vipern und Opium
Kein Mittel hat die alten Apotheken so geprägt wie der Theriak. Ursprünglich als Gegengift gedacht, galt er über Jahrhunderte als Allheilmittel und wurde sogar gegen die Pest eingesetzt. Seine Geschichte reicht bis in die Antike zurück. Der König Mithridates soll ihn verfeinert haben, und Andromachus, der Leibarzt Kaiser Neros, mischte daraus eine Arznei aus 64 Bestandteilen.
Darin steckte so ziemlich alles, was die Medizin der Zeit zu bieten hatte. Opium, Honig und Wein, Baldrian, Engelwurz, Zimt und Myrrhe und als berühmteste Zutat Fleisch von Vipern. Im Lauf der Zeit wuchs die Liste mancherorts auf Hunderte Zutaten an. Das wichtigste Zentrum war Venedig, wo der Theriak in einer mehrtägigen Zeremonie vor den höchsten Würdenträgern der Stadt angerührt wurde.
Auch in Wien war der Theriak unverzichtbar. 1570 ließ die medizinische Fakultät der Universität ein Verzeichnis der erlaubten Arzneien zusammenstellen, das sogenannte Dispensarium für die Wiener Apotheker. Es beschreibt mehrere Theriakrezepte mit über 60 Zutaten und sogar Pflaster mit Theriak gegen die Beulen der Pest. Benutzt wurde das Werk an der Fakultät bis 1822, und Rezepte für Theriak standen noch im 19. Jahrhundert in den amtlichen Arzneibüchern.
Vom Mörser zur Tablette
Eine Apotheke war lange Zeit vor allem eine Werkstatt. Vorne im Verkaufsraum stand der Rezepturtisch, an dem Arzneien abgewogen und gemischt wurden. Dahinter lagen Vorratskammern, Kräuterböden und ein Labor mit Destilliergeräten, in dem Tinkturen, Salben und Pillen von Hand entstanden. Was genau in eine Arznei gehörte, regelten amtliche Arzneibücher, die es in Wien ab 1729 gab.
Im 19. Jahrhundert änderte sich dieses Handwerk grundlegend. Die Stadt wuchs rasant, mit ihr die Zahl der Apotheken, und immer mehr Arzneien wurden nicht mehr im Hinterzimmer gemischt, sondern in Fabriken hergestellt. Mörser, Waagen und Tinkturflaschen verschwanden nach und nach aus dem Alltag. In manchen Häusern haben sie aber überdauert, gut verstaut an einem Ort, an den kaum jemand dachte.

Schätze unter den Apotheken
Kräuter, Tinkturen und Vorräte brauchten einen kühlen, dunklen Platz, und den fanden Apotheker im Keller. Manche dieser Keller sind bis heute wahre Schatzkammern. Die Apotheke Zum goldenen Reichsapfel in der Singerstraße zum Beispiel wurde 1782 gegründet, gleich nach der Reform Josephs II. Ihr Keller reicht wie viele in der Innenstadt zwei Stockwerke in die Tiefe, mit weitläufigen Ziegelgewölben. Dort lagern alte Apothekengefäße und Geräte, und in einem der Gewölbe klafft ein dunkles Loch, um das sich die Sage vom Nonnenloch rankt. Sogar ein menschlicher Wirbelknochen wurde im Keller gefunden und gehört heute zur Sammlung der Apotheke.
Ein anderer Keller liegt im 4. Bezirk, unweit vom Karlsplatz, unter einer Apotheke aus dem Jahr 1857. Seit ihrer Gründung lagerten hier Geräte, Arzneien und Bücher, und vieles davon ist geblieben. In vier Kellerräumen stehen tausende Standgefäße aus über 160 Jahren, alte Mörser, Perkolatoren für Tinkturen und ein Pillenbrett, auf dem Pillen noch von Hand gedreht wurden. Dazu kommen Geräte, mit denen man im 19. Jahrhundert Harn und Trinkwasser untersuchte, Gewichte für alte Maßeinheiten wie Gran, Drachme und Skrupel und Raritäten wie Ziegenblut. Im Zweiten Weltkrieg diente der Keller zusätzlich als Luftschutzraum.
Führung durch den historischen Apothekenkeller
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