Wo Wien seinen Wein versteckt
Die Stadt der vergessenen Weinkeller
Wien ist eine Weinstadt, und das zeigt sich nicht nur an den Weinbergen am Stadtrand. Unter dem Pflaster der Innenstadt liegen hunderte Keller, manche bis zu vier Stockwerke tief. In den besten Zeiten gab es allein in der Inneren Stadt mehr als 60 Weinkeller, in denen ausgeschenkt, gezecht und gefeiert wurde.
Wer heute in einen dieser Keller hinabsteigt, merkt den Unterschied sofort. Mit jeder Stufe wird es kühler und stiller, der Lärm der Stadt bleibt oben zurück. Die meisten dieser Räume sind vergessen, zugemauert oder dienen als Lager. Ihre Geschichte erzählt aber viel darüber, wie eng Wien und der Wein seit Jahrhunderten verbunden sind.
Warum Wien so tief unterkellert ist
Die Wurzeln reichen bis in die Römerzeit. Kaiser Probus hob im 3. Jahrhundert das Verbot auf, in den Provinzen Wein anzubauen, und förderte damit den Weinbau in Pannonien, zu dem auch Vindobona gehörte. Im Mittelalter wurde der Wein dann zur Grundlage des Wiener Wohlstands. Die ältesten belegten Weingärten stammen aus dem 12. Jahrhundert, und 1445 exportierte Wien rund 140.000 Hektoliter Wein.
Fast jeder Bürger, jedes Kloster und der Landesfürst selbst besaß damals Weingärten. Noch bis 1563 standen 108 Presshäuser sogar innerhalb der Stadt. All dieser Wein musste irgendwo lagern, kühl, dunkel und bei möglichst gleichbleibender Temperatur. Der beste Platz dafür lag direkt unter den eigenen Häusern.
So wuchsen unter der Innenstadt Keller in die Tiefe, manche über mehrere Stockwerke. Hier lagerten neben dem Wein auch Waren, die über die Donau in die Stadt kamen. Wer einmal in einem solchen Gewölbe steht, versteht sofort, warum. Selbst im Hochsommer bleibt es hier unten angenehm kühl.

Weinverkostung in einem versteckten Keller
Klöster, Kellerwirte und eine wilde Blütezeit
Seit alter Zeit durften die Wiener Bürger ihren eigenen Wein im Keller ihres Hauses ausschenken. Im 13. Jahrhundert bekam die Stadt zusätzlich das Recht, in einer Taverne auch Weine von außerhalb anzubieten. Als besonders gut galten die Tropfen in den Kellern der Klöster, den sogenannten Stiftskellern.
Um 1725 waren die Wiener Weinkeller berühmt und berüchtigt zugleich. Der Schriftsteller Friedrich Schlögl beschrieb das Treiben dort später als „toll und voll“. Ende des 18. Jahrhunderts tranken Beamte und Bürger ihren Wein lieber in den Schenken, zu 16 oder 24 Kreuzer. Der einfache Mann stieg dagegen in die Keller hinab, wo der Wein nur 6 oder 8 Kreuzer kostete.
Den Behörden wurde das bald zu bunt. 1752 wurden Kellnerinnen in Weinstuben und Kellern verboten, und auch das sonntägliche Kegelschieben musste aufhören. 1787 galten feste Öffnungszeiten. Unter der Woche durfte ab 9 Uhr geöffnet werden, an Sonntagen und Feiertagen ab 11 Uhr. Abends war im Winter um 21 Uhr Schluss, im Sommer eine Stunde später.
Nach 1851 ging es bergab. Die Behörden störten sich an den feuchten, schlecht belüfteten Räumen, und die Keller galten als Treffpunkt zwielichtiger Gestalten. Bis 1875 schrumpfte ihre Zahl auf etwa ein Dutzend, und viele schenkten inzwischen Bier statt Wein aus.

Wien mal anders durch drei dieser versteckten Weinkeller
Vom Weinlager zum Luftschutzkeller
Mit den Kellerlokalen verschwand auch ein Stück Trinkkultur. Um 1800 tranken die Wiener rund 120 Liter Wein pro Kopf und Jahr, vor dem Ersten Weltkrieg waren es nur mehr etwa 25 Liter. Das Bier hatte dem Wein den Rang abgelaufen.
Im Zweiten Weltkrieg füllten sich die Keller noch einmal, diesmal mit Menschen auf der Suche nach Schutz. Zwischen 1939 und 1945 wurden sie zu Luftschutzräumen ausgebaut und durch Gänge miteinander verbunden. So entstand ein kilometerlanges System aus Räumen und Gängen, das hunderttausenden Menschen Schutz bot. In manchen Kellern sind Spuren aus dieser Zeit bis heute zu sehen.
Heute stehen in den meisten Kellern Heizungen, Lüftungsanlagen oder die Kellerabteile der Hausbewohner. Nur in wenigen passiert noch das, wofür sie einst gegraben wurden. Dort wird Wein gelagert und getrunken.
Wien als Weinstadt heute
Der Wein selbst ist Wien treu geblieben. Innerhalb der Stadtgrenzen wachsen heute auf rund 660 Hektar Reben, damit ist Wien eine der ganz wenigen Großstädte der Welt mit nennenswertem Weinbau. Seit 2013 hat die Stadt mit dem Wiener Gemischten Satz sogar eine eigene geschützte Herkunftsbezeichnung. Dafür wachsen verschiedene Rebsorten gemeinsam in einem Weingarten und werden zusammen gelesen und gekeltert. Heraus kommt ein Wein, den es so nur in Wien gibt.
Die bekannteste Wiener Weintradition entstand ebenfalls aus einem alten Recht. Am 17. August 1784 erlaubte Kaiser Joseph II., selbst erzeugten Wein und eigene Speisen zu verkaufen, wann und zu welchem Preis man wollte. Daraus wurde der Heurige. Ist er geöffnet, hängt ein Buschen aus Nadelzweigen über dem Eingang, dann ist „ausg'steckt“. Die Wiener Heurigenkultur zählt heute zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO in Österreich.

Ein Glas Wein im alten Gewölbe
Am besten versteht man die Wiener Weinkeller aber nicht beim Lesen. Ein paar der alten Gewölbe unter der Innenstadt gibt es noch, nur sind sie heute privat und meist verschlossen. Kühle Luft, dicke Mauern und Geschichten aus Jahrhunderten, und dazu ein Glas Wein aus der Stadt, die über einem liegt.
Wer mit uns durch die Weinkeller Wiens zieht, bekommt in jedem ein Glas Wiener Wein gereicht, vom kleinen Winzer bis zum großen Namen, dazu österreichische Spezialitäten. Für einen kürzeren Abstecher gibt es einer gleich beim Stephansplatz. Und im steigt man mit dem Audioguide auf eigene Faust hinab, in einen der ältesten Gewölbekeller der Stadt.
Quellen Bilder Wien Museum, Inv. Nr. 236065 und Inv. Nr. 236063, beide CC0; Wien Museum Magazin, Weinkeller in Wien · Wien Geschichte Wiki, Weinbau · Landwirtschaftsministerium, Heurigenkultur · Reisephilie, Wiens unterirdische Innenstadt