Rom unter dem Pflaster, auf den Spuren von Vindobona
Wo vor fast 2.000 Jahren Legionäre lebten, flanieren heute Wienerinnen und Touristen
Wer über den Graben schlendert oder am Hohen Markt auf die Ankeruhr wartet, steht auf römischem Boden. Unter dem Pflaster der Innenstadt liegen die Reste von Vindobona, einem Legionslager an der Grenze des Römischen Reichs. Hier lebten Soldaten, Händler und ihre Familien, es gab Geschäfte, Tavernen und Bäder.
Oben ist davon fast nichts mehr zu sehen. Doch wer weiß, wo er suchen muss, findet die Römer bis heute, im Stadtplan, in Straßennamen und ein paar Meter unter der Erde.
Ein Lager an der Donaugrenze
Für Rom war die Donau eine Grenze. Entlang des Flusses verlief der Limes, eine Kette aus Lagern, Kastellen und Wachtürmen. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus begannen Soldaten der 13. und 14. Legion hier mit dem Bau eines Legionslagers. Der Name Vindobona geht vermutlich auf das Keltische zurück, was er genau bedeutet, ist bis heute umstritten.
Im Vollausbau war das Lager rund 400 mal 500 Meter groß und bot Platz für mehrere tausend Soldaten, je nach Quelle 5.000 bis 6.000. Im Lauf der Zeit waren hier verschiedene Legionen stationiert. Um 114 kam die zehnte Legion, die Legio X Gemina, und sie blieb rund 300 Jahre, bis ins 5. Jahrhundert.
Rund um das Lager wuchs eine Lagervorstadt, in der Händler, Handwerker und die Familien der Soldaten lebten. Etwa zwei Kilometer entfernt, im heutigen dritten Bezirk, entstand zusätzlich eine Zivilstadt, vermutlich entlang des heutigen Rennwegs. Irgendwann zwischen 120 und 250 erhielt sie das römische Stadtrecht. Schätzungen zufolge lebten in der Blütezeit in und um Vindobona rund 30.000 Menschen.
Friedlich war das Leben an der Grenze nicht immer. In den Markomannenkriegen im 2. Jahrhundert wurde das Lager wohl großteils durch Feuer zerstört und danach wieder aufgebaut. In der Spätantike gaben die Römer die Vorstädte auf, und im Lauf des 5. Jahrhunderts endete die Besiedlung im Lager. Danach klafft eine Lücke von mehreren Jahrhunderten, bis im Mittelalter auf den Ruinen eine neue Stadt entstand.

Der Stadtplan erinnert sich
Erstaunlich ist, wie sehr das Lager den Grundriss der Innenstadt bis heute prägt. Wer seine alten Grenzen nachgehen will, folgt ungefähr dem Tiefen Graben im Westen, dem Graben und der Naglergasse im Süden, der Rotenturmstraße im Osten und dem Salzgries im Norden. Mitten in diesem Viereck liegen heute Hoher Markt, Judenplatz und Am Hof.
Auch die Tore lassen sich noch verorten. Das Westtor stand dort, wo heute die Hohe Brücke über den Tiefen Graben führt. Das Südtor lag an der Ecke Naglergasse und Tuchlauben. Seine Fundamentsteine kamen erst 2019 wieder ans Licht, als die Straße wegen eines Gasgebrechens aufgegraben wurde. Das Tor stand übrigens bis ins 12. Jahrhundert, danach folgte an seiner Stelle ein mittelalterliches Stadttor. Das Osttor vermutet man bei Kramergasse und Ertlgasse, nur beim Nordtor ist sich die Forschung bis heute nicht sicher.
Der Graben selbst erinnert an die Gräben, die einst vor der Lagermauer lagen. Um 1200 wurde das Gelände bei der Stadterweiterung der Babenberger in die Stadt einbezogen und zu einem Platz. Bezahlt wurde diese Erweiterung übrigens mit dem Lösegeld für Richard Löwenherz, der in Erdberg gefangen genommen worden war. So hängen im Herzen Wiens Römer, Babenberger und ein englischer König zusammen.
Wo die Römer heute noch zu sehen sind
Am meisten Römisches zeigt das Römermuseum am Hohen Markt. Unter dem Straßenniveau liegen dort die Reste von zwei Offiziershäusern des Lagers, laut Wien Museum die wichtigste römische Ausgrabung der Stadt. Die Ausstellung erzählt, dass in Vindobona nicht nur Römer lebten, sondern auch Einheimische und Zugewanderte aus dem ganzen Reich, mit Geschäften, Tavernen und öffentlichen Bädern.
Wer lieber unter freiem Himmel schaut, geht zum Michaelerplatz. Bei Ausgrabungen 1990 und 1991 kamen hier römische Häuser aus dem 2. bis 5. Jahrhundert zum Vorschein, mit Fußbodenheizung, Wandheizung und Wandmalereien. Der Stadtarchäologe Ortolf Harl deutete sie als eine Art Vergnügungsviertel außerhalb des Lagers. Der Architekt Hans Hollein gestaltete die Grube so, dass man die Mauern bis heute von oben sehen kann, gleich neben Mauerresten aus Mittelalter und Neuzeit.
Und wer nach dem Museum noch ein Stück spazieren will, geht vom Hohen Markt zur Hohen Brücke. Von oben sieht man in den Tiefen Graben hinunter, genau dort, wo einst das Westtor des Lagers stand.

Mythen rund um das römische Wien
„Marc Aurel ist in Wien gestorben.“ Lange galt Vindobona als Todesort des Philosophenkaisers, der im Jahr 180 starb. Gestützt wurde das auf den spätantiken Geschichtsschreiber Aurelius Victor. Andere antike Quellen nennen aber Sirmium im heutigen Serbien, und das gilt heute als wahrscheinlicher. Wien erinnert trotzdem an ihn, mit einer Straße in der Innenstadt und einer Figur des Kaisers in einem Hof an dieser Straße.
„Wien ist seit der Römerzeit durchgehend besiedelt.“ Nicht ganz. Nach dem Ende der römischen Herrschaft fehlen im Bereich des Lagers für mehrere Jahrhunderte fast alle Spuren. Ein paar Scherben aus dem 8. und 9. Jahrhundert zeigen nur, dass Menschen die Ruinen begangen haben. Die mittelalterliche Stadt entstand später auf dem alten Gelände neu.
„Der Berghof ist das älteste Haus Wiens.“ So erzählt es eine Sage, der Hof beim Hohen Markt soll sogar der Ausgangspunkt der Stadt gewesen sein. Belegt ist er aber erst um 1270, und die älteste nachweisbare Bausubstanz stammt nicht aus der Zeit vor 1290. Die alten Häuser wurden ab 1962 abgerissen.
„Die Nibelungen feierten in Vindobona.“ Im Nibelungenlied feiern Kriemhild und Etzel ihre Hochzeit in Wien. Eine schöne Geschichte, aber Dichtung aus dem Mittelalter und kein Beleg für irgendetwas aus römischer Zeit.
Vindobona zum Nachspüren
Vindobona ist verschwunden und doch überall. Es steckt im Verlauf der Straßen, in den Mauern unter dem Hohen Markt und in der Grube am Michaelerplatz. Wer einmal weiß, wo das Lager lag, geht anders durch die Innenstadt.
Auch der Wein, für den Wien heute bekannt ist, hat römische Wurzeln. Wer dem mit einem Glas in der Hand nachspüren möchte, steigt in den römischen Weinkeller von Wien mal anders hinab, einen alten Gewölbekeller mitten in der Innenstadt, der sonst verschlossen bleibt. Mit dem Audioguide geht es auf eigene Faust durch die Geschichte der Wiener Unterwelt, und auf Wunsch gibt es ein Glas Wiener Wein dazu.
Quellen Wien Geschichte Wiki, Vindobona · Wikipedia, Vindobona · Stadtarchäologie Wien, Legionslager · Wikipedia, Legio X Gemina · Vienna Online, Römische Torreste entdeckt · Wien Geschichte Wiki, Graben · Wien Geschichte Wiki, Michaelerplatz · Wien Museum, Römermuseum · Wien Geschichte Wiki, Marc Aurel · Wien Geschichte Wiki, Berghof · Wien Geschichte Wiki, Neue Hohe Brücke